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Aids Hilfe Wien

HIV-Medikamente gegen SARS-CoV2

Derzeit gibt es gegen das neue Coronavirus SARS-CoV2 weder eine Impfung, noch effektive Medikamente. An Beidem wird mit Hochdruck gearbeitet: denn erst wenn hier etwas Wirksames verfügbar ist, kann sich die Situation tatsächlich entspannen bzw. langfristig lösen.

Zum Thema Medikamente, wird aktuell auch immer wieder die HIV-Therapie ins Spiel gebracht. Im Folgenden soll kurz umrissen werden, wo der Zusammenhang besteht und wo eben auch nicht.

Einige Unterschiede und Gemeinsamkeiten von SARS-CoV2 und HIV

SARS-CoV2 gehört zu den Coronaviren, HIV zu den Retroviren. Sie sind sehr unterschiedliche Viren und großteils überhaupt nicht vergleichbar. Dennoch haben sie auch einige Gemeinsamkeiten.

Anheften an die Zielzelle

Beide Viren haben auf ihrer Hülle spezielle Strukturen, mit denen sie sich an ihre Zielzellen anheften. Bei HIV ist dies das Hüllenprotein gp120 und bei SARS-CoV2 das sogenannte S-Protein (auch Spikeprotein). Auf der Oberfläche der Zielzelle, bindet HIV zuerst an den CD4-Rezeptor, der sich auf bestimmten Zellen des Immunsystems befindet. SARS-CoV2 bindet an den ACE2-Rezeptor, der besonders häufig auf den Zellen der Atemwege vorkommt.

Gene und Proteine

Die Erbinformation beider Viren liegt in Form einer RNA vor. Bei Coronaviren wird diese RNA von der infizierten Zelle direkt als Matrize für neue Virus-Bausteine verwendet. Bei HIV hingegen, wird die mitgebrachte RNA zunächst in eine DNA umgeschrieben und in das Erbgut der infizierten Zelle eingebaut (mittels Reverser Transkriptase und Integrase). Erst von hier aus, wird die HIV-Erbinformation verwendet, um neue Virus-Bausteine herzustellen. Bei beiden Viren, müssen neu produzierte Proteine teilweise noch von einer Protease in die richtige Länge geschnitten werden.

HIV-Medikamente gegen SARS-CoV2

Unterschiedlichste Wirkstoffe werden zurzeit in der Hoffnung ausprobiert, ein bereits etabliertes und erprobtes Medikament zu identifizieren, welches auch bei SARS-CoV2 verwendet werden könnte.

HIV-Therapie: Protease-Inhibitoren

Eine Gemeinsamkeit der Viren ist, dass sie eine Protease verwenden. Daher liegt die Idee nahe, Protease-Inhibitoren aus der HIV-Therapie gegen SARS-CoV2 einzusetzen. Aktuell geht es hier vor allem um zwei Wirkstoffe: Lopinavir (mit Ritonavir = Kaletra®) und Darunavir (mit Ritonavir = Prezista® oder Cobicistat = Rezolsta®). Mit Lopinavir laufen ca. 20 Studien, bislang wurde aber wenig, bzw. kein Effekt beobachtet. Mit Darunavir gibt es einzelne Studien, doch laut Hersteller ist es unwahrscheinlich, dass die zugelassene Dosierung eine Wirkung zeigen könnte.

HIV-Therapie: andere Medikamente

Wenn man sich die Unterschiede der Viren anschaut, ist nachzuvollziehen, dass sich nicht alle HIV-Medikamente gegen SARS-CoV2 eignen. Entry-Inhibitoren kommen nicht in Frage, da unterschiedliche Rezeptoren verwendet werden. Gleiches gilt für Reverse-Transkriptase-Inhibitoren, da SARS-CoV2 seine RNA nicht in DNA umschreibt. Und da sich SARS-CoV2 nicht in das Erbgut der Wirtszelle einbaut, sind auch die Integrase-Inhibitoren nicht zielführend. Die große Mehrheit der HIV-Medikamente fällt (zumindest in der Theorie) somit als Kandidat aus und steht nicht in Zusammenhang mit dem Thema.

Fazit

Ob letztlich ein HIV-Medikament zu den realen Kandidaten eines effektiven Wirkstoffes gegen SARS-CoV2 gehört, bleibt abzuwarten. Obwohl es hier bisher keine erfolgsversprechenden Ergebnisse gibt, ist es zweifelsohne essentiell, dass trotzdem auch weiterhin alle Optionen wahrgenommen werden.

 


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Diese Informationen wurden zusammengestellt am 03.04.2020 / Text: Mag. B. Leichsenring / Quellen: Clinicaltrials, ECDC, Hoffmann Rockstroh et al (HIVBuch), Janssen.com (Lack of evidence), Kamps Hofmann et al (Covidreference), Modrow et al (Mol. Virologie), NJEM Bin Cao et al.